Training ist für Weicheier

„Well my bags are packed, I’m ready to go“, der alte Hippie-Klassiker ist mir in den vergangenen Tagen immer wieder durch den Kopf gegangen.
Und am Mittwoch war es nach wochenlangen Vorbereitungen endlich so weit. Vorbereitungen beinhalten natürlich nicht Training auf dem Fahrrad. Sinnlos durch die Gegend zu fahren war mir schon immer zuwider. Training ist für Weicheier.

Vorbereitung bedeutet für mich, die Fahrradtaschen das erste Mal vier Wochen vor der Abfahrt packen, dann mindestens noch drei Mal aus- und einpacken, auf der Landkarte auch die kleinste französische Straßenkreuzung checken, alle Schrauben am Rad nachziehen und nochmal die Bedienungsanleitung des Fahrradtachos durchlesen. Den habe ich zwar schon seit sieben Jahren in Gebrauch und er funktioniert bestens, aber schaden kann es ja nicht. Einige Menschen im familiären Umfeld amüsieren sich über diese Rituale immer wieder.

Das hat also alles gepasst und eine der schwersten Etappen der ganzen Tour stand bevor. Was sind der Gegenwind im Rheintal, die Rampen des Schweizer Jura oder die Pässe der Pyrenäen gegen den Abschied von Zuhause? Mit Müh und Not haben wir es geschafft, die Tränen zu unterdrücken. Sie sind dann zehn Minuten später geflossen.

Klein Rogahn, Groß Rogahn, Pampow, Holthusen, Sülstorf – jede Reise beginnt bekanntlich mit dem ersten Schritt, auch wenn das alles Ortschaften sind, von denen man noch mit dem Schulbus wieder heimfahren könnte. Die Windrichtung passte. Ein leichter aber dauerhafter Nordostwind machte es angenehmer, das Rad mit 27 Kilo Gepäck und einem übergewichtigen Fahrer sicher über die mecklenburgischen Landstraßen zu befördern.

Aber ab Kilometer 30 machte sich immer deutlicher ein leises Geräusch, dessen Ursprung unterhalb des Sattels lag. Mit fortschreitender Fährt wurde das Geräusch verständlicher und entwickelte sich zu einem Rufen aus dem Oberschenkel. Spätestens bei Kilometer 50 war es klar zu verstehen. „Gnade, Gnade, Gnade“, rief zuerst das rechte Oberbein und kurze Zeit später auch das linke. Und um das Orchester des Schmerzes zu vervollständigen, schlossen sich nach Kurzem auch beide Knie diesem Chor an.

Training ist was für Weicheier. Sie wollen nur den Schmerz der ersten Etappe umgehen.

Es half nur Eines: Tempo rausnehmen und runterschalten bevor es zwackt. Aber Dömitz und die Elbe waren noch lange nicht in Sicht. Vom avisierten Ziel, Bergen/Dumme, ganz zu schweigen.

Je näher die Elbe kam, desto größer wurde die Motivation. Aber die Muße, noch einen Umweg in die Stadt zu fahren und in das nette Hochhaus-Café zu gehen, hatte ich dann doch nicht. Ich merkte zudem, wie mir die Zeit davon lief und ich mich etwas ranhalten musste, wenn ich das Zelt noch bei Helligkeit in Bergen aufbauen wollte.

Die Kilometer wurden länger, die Pausen häufiger, die Oberschenkel schrieen inzwischen und die Landschaft war auch nicht so der Bringer. Wendland halt. Zumindest heiterte mich ein Fasan auf, der urplötzlich meinen Weg kreuzte.

Die Ortschaften sind ganz nett, aber Möglichkeiten, einen Kaffee zu bekommen eher rar gesät. Also weiterfahren.

Nach 108 Klometern bin ich auf dem Zeltplatz in Bergen eingefahren und spürte, das war deutlich zu viel für den ersten Tag.

Zelt aufbauen, essen, trinken und zu der Erkenntnis kommen, dass es noch ein weiter Weg bis Santiago ist. Sich am ersten Tag bereits auszupowern ist Blödsinn. Ein Marathon wird auch nicht auf den ersten 200 Metern gewonnen.

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