Havarie in Hemmerde

Wie im richtigen Leben, gibt es auch auf einer Pilgerfahrt gute und schlechte Nachrichten. Die Kunst besteht darin, aus den schlechten Nachrichten die guten Aspekte und die Kraft für das Kommende zu ziehen. Aber der Reihe nach.

Detmold entpuppte sich als weit weniger gefährlich als zunächst angenommen. Die Dämonen haben dann wohl doch die falsche Abfahrt genommen und die örtliche Jugendherberge links liegen lassen. Zumindest habe ich die Nacht gut überstanden und konnte nach einem exzellenten Frühstück die Fahrt in Richtung Soest fortsetzen. Den Teutoburger Wald bin ich mal schön umfahren, so dass ich über Verl und Lippstadt Richtung Zielort wollte. Und – Business als usual – von Lippstadt aus die Jugendherberge in Soest anrief, um nach einem freien Platz zu fragen. Die Rezeptionsdame sagte mir, dass sie in wenigen Minuten das Haus verlassen werde, der Schlüssel aber da und da sei. Was ist mit Deutschlands Jugendherbergen los? Haben die Dämonen mir in Detmold nur eine Ruhepause gelassen, um jetzt in Soest mit voller Gewalt zuzuschlagen? Um es kurz zu machen. Nein!

Die Gästezahl lag in Soest nämlich um unendlich Prozent höher als in Detmold. Neben mir war doch wirklich noch ein zweiter Gast da und der hieß nicht Jack.

Also rauf aufs Rad und die letzten 20 Kilometer nach Soest in Angriff genommen. Erschwert wurde das Ganze durch einen plötzlichen Temperatursturz und einsetzenden, dauerhaften Regen. Unangenehm von der Firma Unangenehm. Zudem wurden die Schmerzen im rechten Knie immer heftiger, so dass der Tacho anstelle der gewohnten 18 km/h nur noch acht oder neun km/h als Höchstgeschwindigkeit anzeigte. Und da in solchen Situationen dann auch alles zusammenkommt, habe ich mich noch schön verfahren und einen Umweg von zehn Kilometern eingelegt. Nach drei Stunden war ich an der Jugendherberge, wobei ich die letzten Kilometer eigentlich nur noch mit dem linken Bein treten konnte, da das rechte Knie bei jeder Beugung und Streckung höllisch schmerzte. Auch zwei Intensivpackungen Voltaren ums Knie nutzten wenig. Das sah nich gut aus und stimmte wenig optimistisch.

Der Abend in Soest, wer die Stadt nicht kennt, die Altstadt ist wirklich einen Besuch wert, war dann sehr angenehm im Brauhaus Zwiebel.

Nächsten morgen sollte es dann weiter über Werl und Unna nach Dortmund zu meinem alten Studienfreund Axel und seiner Frau Anja gehen. Ich hatte vorher schon angekündigt, dass ich dort gerne einen Tag Pause machen würde, um die müden Knochen ein wenig zu kurieren.

Werl war noch OK, obwohl das Knie wieder laut und deutlich seinen Unmut über ständiges Beugen kund tat.

Die paar Kilometer bis Holtum funktionierten noch, aber in Hemmerde war Schluss. Bis Dortmund sollten es noch 30 Kilometer sein als die 200 Meter bis zur nächsten Parkbank eine nicht zu überwindende Hürde darstellten.

Schluss, Aus, Ende.

Am Bahnhof in Hemmerde

Das Knie machte nicht mehr mit. Was nun?

Glücklicherweise liegt Hemmerde direkt an der Bahnlinie Soest-Dortmund und der Bahn gilt mein ewiger Dank, dass der Bahnhof Hemmerde noch nicht stillgelegt wurde. Bis dahin sollten es aber noch gut 800 Meter sein. Schiebend und immer, wenn es ein wenig bergab ging auf dem Rad rollend, erreichte ich schließlich den Bahnsteig und rief meinen Freund in Dortmund an, dass ich in einer knappen halben Stunde am Bahnhof ankommen würde. Die Beiden holten mich von dort ab und kutschierten mich mit dem Auto zu sich nach Hause. Das wäre erst mal geschafft.

Dass ein Tag Ruhe nicht ausreichen würde, um mein malades Knie wieder wettkampffähig zu machen, war klar. Ärztlicher Rat war dringend geboten. Die Sprechstundenhilfe der örtlichen Orthopädenpraxis erklärte mir am Telefon, dass im Juli wieder Termine frei seien. Mit viel Drücken auf die Tränendrüse, der Pilgerfahrt, die in konkreter Gefahr sei, der mir dadurch entgehenden spanischen Sonne und dem Segen des Heiligen Jakobus machte sie mir das Alternativangebot, am nächsten Morgen um halb zehn auf der Matte zu stehen. Definitiv der zweite Engel auf dem Weg.

Deutschland bzw. Dortmund morgens um halb zehn. Der Pilger steht in der Arztpraxis und muss keine zehn Minuten warten bis Röntgen, Ultraschall und die erfahrenen Hände des Orthopäden sich an seinem Knie zu schaffen machen. Diagnose: Es ist nichts gerissen, aber Meniskus und Außenkapsel sind durch Überlastung entzündet. Therapievorschlag Nr. 1: Ruhe, Ruhe, Ruhe. Therapievorschlag Nr. 2: Dreimal täglich Ibuprofen (die mit den vielen Milligramm) und bunte Tapeklebestreifen zur Stabilisierung des Knies.

Da ich seit je her Kompromisse für die beste Möglichkeit der Problemlösung halte, habe ich mich entschieden, den Aufenthalt in Dortmund um ein paar Tage zu verlängern und die Pillen-Klebestreifen-Therapie anzuwenden. Zumindest wird es also einen Versuch der Weiterfahrt geben, wo ich mich am Dienstagabend ja schon im nächsten IC nach Schwerin sah. Soviel ist klar: sollte die Fahrt aus irgendeinem Grund abgebrochen werden müssen, wird es keinen zweiten Versuch geben. Pilgern mit immer wieder einsetzen ist nicht meines.

Glücklicherweise bekam ich von Anja und Axel das Angebot, so lange wie ich möchte, bei Ihnen bleiben zu können. Glücklich kann sich schätzen, wer solche Freunde hat. So war dann auch noch Zeit, Dortmund ein wenig zu erkunden. Fernsehtürme sind etwas schönes. Es sollte in jeder Ortschaft einen geben. Von oben kann man ganz hervorragend sehen, wohin einen der weitere Weg führen wird.

Heute ist Freitag und morgen wird es weitergehen. Das Knie kann ich inzwischen schmerzfrei bewegen, aber natürlich wird sich erst nach zehn oder 20 Kilometern rausstellen, ob ich dem Frieden trauen kann. Das werde ich aber nur durch Ausprobieren feststellen. Insofern geht es morgen nach Witten, dann entlang der Ruhr nach Essen und von dort über Ratingen bis Düsseldorf oder Dormagen.

Fazit des Ganzen: Schmerzen im Knie und entzündete Kapseln machen keinen Spaß. Die Aussicht auf Abbruch der Reise ist deprimierend. Aber besser das alles hier als in Südfrankreich. Nebenbei wüsste ich nicht mal, was Knie auf französisch heißt.

Also auf zu neuen Taten!

5 Kommentare zu „Havarie in Hemmerde

  1. ooooohhh Christian – hast du denn die Globuliapotheke nicht eingepackt?!
    Na gut, dann nicht…… Dann wirst du es ohne sie schaffen. Ich weiß es!
    Gib dir Zeit, denn diese Pause war wohl gewollt! Vom Pilgermanagement.
    liebe Grüße katrin

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    1. Hallo Katrin, ich halte durch. Wer zweimal von München nach Venedig gelaufen ist, die Via de la Plata und den Camino Frances gegangen ist, der lässt sich von ein bisschen Knie-Aua nicht gleich aus der Bahn werfen.

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      1. Moin, Christian, super Einstellung diese!
        Bis zum frühen Nachmittag ist das Wetter auch fein zum Fahren und du fährst halt schön in kleinen Gängen mit Sonne im Herzen und dem Blick in die schöne MaiNatur gerichtet. Vielleicht umsäuselt dich ja der Duft eines Rapsfeldes oder gar ein Monolog einer Feldlerche ….? wart´s mal ab: es wird bestimmt etwas Gutes kommen. Ein Pilgerweg nach Compostela soll nicht nur leicht sein …. herzliche celler FrühNebelGrüße

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  2. Irgendwie sahst Du schon mal frischer aus. Kaputtes Knie heißt genou ruine. Nur für alle Fälle… Hier jedenfalls wirds jetzt Frühling.

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