Schmieren, schmieren, schmieren

Nach fest kommt lose

Paula will im Herbst mit dem Rad durch Laos fahren. In Deutschland hat sie schon etliche Kilometer mit dem Rad abgespult. Aber Südostasien, wo nicht an jeder Ecke ein gut sortierter Fahrradhändler zur Verfügung steht, ist dann doch nochmal ein anderer Schnack.

Deshalb hat sich Paula beim ADFC für ein Fahrrad-Reparier-Seminar angemeldet. Gemeinsam mit 20 anderen begeisterten Bikern sitzt sie nun in Hamburg beim ADFC und hört sich die theoretischen Grundlagen zum Aufbau des Fahrrads an.

WD-40 Büchse

Was zunächst den Eindruck einer drögen Schulstunde macht, geht schnell über in praktische Tipps zur Kettenschmierung. Und den Gesichtern der Teilnehmer ist erstmal Staunen anzusehen. Wer bislang WD-40 für das Allheilmittel gehalten hat, erfährt schnell, dass dieser flinke Helfer aus der Sprühbüchse vielleicht dazu geeignet ist, quietschende Türscharniere zum Schweigen zu bringen, an einer Fahrradkette aber eigentlich an einer Fahrradkette nichts zu suchen hat.

Das Zeug löst Fett und verflüchtigt sich schnell. Wer also eine Kette haben will, an der gnadenlos Metall auf Metall reibt: Immer ran an die WD-40-Büchse!

Zum Reinigen der Kette ist es geeignet – zur Schmierung der Tod. Wer den Prozess des Ablebens noch beschleunigen will, kann auch gleich zum Dampfstrahler greifen. Damit macht man jedes Lager und jedes Gelenk innerhalb kürzester Zeit unbrauchbar.

Und da wir ja auch alle Fahrrad fahren, um Bäume, Delphine und Pandabären zu retten, empfiehlt es sich, umweltverträgliches Kettenfett oder -öl zu verwenden. Finger weg von allen Sprühbüchsen, in denen Produkte mit Silikon enthalten sind. Früher oder später landet alles Kettenfett gemischt mit Sand und Staub im Boden. Silikon baut sich nur schwer ab. Und dann fressen es unsere Delphine. Also lieber gleich zu biologisch abbaubaren Fetten greifen. Steht auch hinten auf den Flaschen drauf.

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Jetzt aber genug der Theorie, es geht an die Räder. Die Palette reicht vom individuell aufgebauten Edelreiserad (Preisklasse gebrauchter Kleinwagen), das eher weniger Reparaturbedarf hat, bis zum ehemals wohl blau lackierten Damenrad. das erweckt den Eindruck, seinen letzten Besitzerwechsel im Fundbüro der Deutschen Bahn vollzogen zu haben. Mit ein bisschen Kettenfett ist da nicht viel zu machen. Wie sagte mein Meister in der Autowerkstatt vor über 30 Jahren immer im Angesicht eines schrottreifen Autos: „Aus ´ner Nutte kannste keene Dame machen!“

Überhaupt erweisen sich die Weisheiten des alten KFZ-Meisters auch Jahrzehnte später als nachhaltig und gültig. Als der ADFC-Mechaniker über den Sinn und Zweck sowie die Funktionsweise eines Drehmomentschlüssels referiert, habe ich wieder die Stimme meines Gottes im Blaumann in den Ohren, der komplizierte Dinge ganz einfach erklären konnte. „Nach fest kommt lose, und nach lose kommt viel Ärger!“ Dem ist beim Thema Drehmoment nichts hinzuzufügen.

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Zurück zur Praxis. Kette erstmal sauber machen: auf den Lappen (sollte man laut Anmeldeformular mitbringen) etwas WD-40 (dazu eignet es sich), und die Kette schön durch den Lappen laufen lassen. Frage eines Teilnehmers: „Wann ist die Kette sauber?“ Antwort: „Wenn nix Schwarzes mehr am Lappen ist!“ Der Humor professioneller Mechaniker hat sich in den vergangenen 30 Jahren nicht wirklich geändert.

Langsam kommt Unruhe in die Gruppe der Hobby-Schrauber. Alle schnappen sich ihre mitgebrachten Pflegeprodukte und bestürmen die Mechaniker des ADFC. „Kann man das auch verwenden?“ „Das Spray hat mir mein Fahrradhändler empfohlen? Ist das in Ordnung?“ „Das hatten wir vergangenes Jahr in Irland mit und haben es nicht gebraucht. Aber wenn ich es mal brauche? Kann ich es dann nehmen?“ Leicht überfordert ob des Bombardements an Fragen, aber die Ruhe behaltend, gehen die Mechaniker-Lehrer geduldig auf jede Frage ein und nehmen, wie es scheint, den Kursteilnehmern existenzielle Sorgen um ihr geliebtes Fahrrad. Nur die junge Dame mit dem Fundbüro-Rad ist entspannt und freut sich darüber, dass unter dem ganzen Rost an der Kette wirklich noch blankes Metall zu Tage tritt.

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Paula ist indes ein paar Monate vor dem Laos-Trip schon in den Tiefen ihrer Hydraulikbremse versunken. „Wie muss ich das einstellen? Muss ich das überhaupt einstellen? Soll ich noch ein paar Bremszüge als Ersatz mitnehmen?“ Mit ein paar routinierten Handgriffen nimmt der Mechaniker die ganze Bremse auseinander. Der Schreck steht Paula im Gesicht. Sich ihrer Unfähigkeit bewusst, das Ganze eben mal wieder zusammenzuschrauben, spricht sie das Unaussprechliche aus: „Vielleicht mache ich doch den Ostsee-Radweg.“ Aber der erfahrene Schrauber kann sie beruhigen. Wenn sie das zwei drei Mal auseinander genommen hätte, ginge das wie im Schlaf. Paula sieht sich ihrer südostasiatischen Träume noch nicht beraubt. Ich lasse derweil mein Fahrrad unberührt. Never change a winning team! Da schau ich doch lieber den anderen über die Schulter.

Nächstes Thema: Reifen flicken! Ich frage mich schon seit Jahren, warum die Menschen Flickzeug dabei haben. In meiner Werkzeugtasche ist immer ein Ersatzschlauch. Und da ich zum Flicken sowieso den Schlauch rausholen muss, kann ich ihn auch gleich wechseln. Das erspart mir schon die Suche nach der undichten Stelle und den ganzen Klebequatsch. Aber vielleicht finde ich ja in Hamburg beim ADFC eine Antwort auf diese Frage. Zunächst aber wird den Teilnehmern gesagt, dass sie besser von diesen ganzen Füllmittelchen, mit denen man die Reifen abdichten kann, die Finger lassen soll. Zur Not, wenn man weder Ersatzschlauch noch Flickzeug bei hat, kann man auch einfach den Schlauch an der Stelle, an der das Loch ist, durchschneiden und einen festen Knoten reinmachen. Das ist bei der Montage des Reifens dann zwar ein bisschen Fummelarbeit, hält aber bis zur nächsten Werkstatt. Große Augen bei allen – wieder was gelernt.

Und warum nun Flickzeug? Ganz einfach. Man kann zwar den Schlauch wechseln, aber dann hat man keinen Reserveschlauch mehr. Viel besser dann abends auf dem Campingplatz oder in der Pension den kaputten Reifen in aller Ruhe flicken und schon ist wieder Ersatz da. Danke.

Zweiteiliges Multitool

Am Ende des Seminars, nachdem noch ordentlich an Bremsen, Lenkern und Schaltungen geschraubt wurde, kam die Frage nach dem Werkzeug. Und daran entbrennen bekanntlich Glaubensdiskussionen. Was muss man mitnehmen, was kann man mitnehmen, was ist unnötig?

Den guten alten Knochen, den wir alle noch aus dem kleinen ledernen Täschchen kennen, das unter dem Sattel unseres Kinderfahrrads hing, nicht nur zu Hause lassen, sondern sofort in die Mülltonne schmeißen. Die Knochen, die es heute zu kaufen gibt, sind aus Spritzguss gemacht und brechen gerne mal ab. Wer sich dieses Teil dann in die Hand oder den Arm rammt, sollte sich in der Nähe eines Krankenhauses mit guter chirurgischer Abteilung aufhalten, weil die scharfkantigen Enden sofort Sehnen und Pulsadern durchtrennen.

Aber wir waren beim Werkzeug. Natürlich kann Paula alles Mögliche an Werkzeug mit nach Laos nehmen. Die Frage ist, wieviel Kilo sie sich zusätzlich zumuten will. Das Multitool bietet sich immer an. Aber – und jetzt lernt sie noch etwas – ein zweiteiliges Tool hat den großen Vorteil, dass sie damit auch mal eine Mutter kontern kann. Geht  mit einem einzelnen Werkzeug schlecht.

Eine allerletzte logische Weisheit gab es zum Schluss. Ruhig Werkzeug mitnehmen, mit dem man nicht umgehen kann. Eher trifft man in der Wildnis jemanden, der das kann, als jemanden, der ein solches Werkzeug bei hat. Bingo! Oder wie sagte mein Werkstattmeister früher: „Musst immer ´nen Lappen bei ham.“

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