Ein anderer Kontinent

Da stehen sie nun vor mir, die Pyrenäen. Bislang nur linker Hand, da mein Weg weiter nach Westen führt, wie eine undurchdringliche Wand mit ihren noch im Juni schneebedeckten Gipfeln.

Nein, das sind nicht die Alpen. Das sind nicht die Berge, hinter denen sich die Sehnsüchte des Mitteleuropäers verbergen. Es ist die Grenze zwischen Kontinenten. Natürlich gehört Spanien zu Europa. Geografisch hat es das schon immer getan. Aber es ist eine andere Welt. Ein Land, das schon immer von den Entwicklungen des europäischen Kontinents abgeschnitten war.Goethe ist nach Italien gereist. In der Hoffnung und mit dem Ansinnen, die Wurzeln der europäischen Kultur zu finden. Er kam gar nicht auf die Idee, nach Spanien zu reisen. Was hätte ihn dort erwartet? Nicht die Lieblichkeit der italienischen Frauen. Die in ihren Gesichtszügen harten spanischen Frauen hätten den Dichterfürsten nicht erfreut. Frauen mit einer Sprache, die im Gleichtakt eines Maschinengewehrs in mitteleuropäischen Ohren aufstößt. Weit entfernt vom melodischen Singsang des Italienischen.

Es hätte ihn ein Land erwartet, das einen mit der Hitze in den Wahnsinn treibt. Ein Land, in dem am Horizont Himmel und Erde miteinander verschmelzen. Die Unterschiede des Irdischen und des Übernatürlichen verschwinden. Eine Land, in dem sich die Herrscher „katholischste Majestäten“ nannten. Die aber im Gegensatz zu den italienischen Fürsten, nie die Schönheit in den Fokus ihres Schaffens gestellt haben. Kein Medici hätte so etwas wie den Escorial gebaut. Der Escorial will nur eines vermitteln: Uneingeschränkte Macht. Es geht nicht darum, das Auge zu erfreuen, das Herz aufgehen zu lassen. Selbst sein Erbauer, Felipe II, hatte keine Freude an seinem Werk. Er ist darin betend bei lebendigem Leib verrottet und sah sein Weltreich entgleiten. Von der Verspieltheit des Italienische Knie Spur. Was hätte Goethe mit den Dutzenden von gerade mal einem Meter langen Särgen anfangen sollen, die in der Gruft des Escorial stehen? Ausdruck einer in Dekadenz und Inzucht ruinierten Dynastie, deren Prinzessinnen und Prinzen selten das zehnte Lebensjahr erreicht haben. Der Schwachsinn wurde zur Regierungsform.

Nein die Pyrenäen, waren schon immer eine unüberwindbare Grenze. Es gab keinen Grund sie zu überqueren. An ihren Hängen steht nicht wie in den Alpen wohlgenährtes Milchvieh. Kein Läuten der Kuhglocken erfüllt den Tag. Es ist das Meckern der Ziegen an den Hängen. Der Käse ihrer Milch ist nicht von der schmackhaften Sorte, er ist streng wie dieses Gebirge. Am Himmel ziehen keine Adler ihre Kreise. Geier halten Ausschau nach Aas. In Spanien wird nicht gelebt, in Spanien wird gestorben.

Spanien hatte sich nie nach Europa orientiert. Nach seiner Einigung ging der Blick nach Westen, in die neue Welt. Es galt ein Weltreich zu erobern und auszuplündern, was interessierte da Europa.

Doch diese Missachtung, ja gar Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit. Europa hat sich nie für Spanien interessiert. Nach den Vandalen während der Völkerwanderung hat lange Zeit keine der europäischen Großmächte einen Fuß auf die Iberische Halbinsel gesetzt. Napoleon war der letzte. Und er hat es bitter bereut.

Was interessierte Spanien die Welt? Der bestialisch blutige Bürgerkrieg fand nur Eingang in die Literatur, weil Abenteurer wie Hemingway dort ihre Männlichkeit unter Beweis stellen wollten. Ansonsten? Kein Interesse der Weltöffentlichkeit. Halt, wird jetzt der eine oder andere sagen. Was war denn mit den internationalen Brigaden? Kanonenfutter waren sie. Von Stalin mit schlechtem Material, miserabel ausgebildeten Kämpfern und verbrämten Politkommissaren ausgestattet. Eine raffinierte Methode des roten Zaren, um unliebsame europäische Genossen loszuwerden. Jede Kugel Francos ersparte den Erschießungskommandos Stalins Blei. Und die beiden zum damaligen Zeitpunkt noch existierenden relevanten Demokratien Europas. Frankreich hatte ein Problem mit den Zehntausenden spanische Flüchtlinge und England ganz andere Sorgen.

Die Pyrenäen waren schon immer keine Grenze, die es zu überschreiten galt. Noch heute führen Tunnel durch diese Berge, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Sie waren eine Sperre. Unüberwindbar, abstoßend, vernichtend.

Und sie trennen bis heute zwei Welten, die europäische und die spanische.

3 Kommentare zu „Ein anderer Kontinent

  1. Moin Käpt’n, ich weiß ja, dass du Berge nicht so magst,…dennoch eine schöne Suada auf das, was da kommt. Ich drück dir die Daumen, dass alles hält, vor allem deine Beine. Hier Hämmern schon um 7uhr morgens die Maurer in meinem Vorgarten, Zeit aufzustehen. Alles liebe dein Radfahrkumpel Nils, Grüße auch von Immi

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