Ein magischer Ort

Léon ist die spanischste Stadt, die ich kenne. Gut – ich kenne nicht alle und in einigen war ich nur sehr kurz, dass man nicht von kennen, sondern nur von besuchen sprechen kann.

Aber Léon ist laut in seinen Kneipen, erfrischend mit seinen jungen Leuten, träge in der Hitze, majestätisch vor der Fassade seiner Kathedrale, verspielt in seinem Kloster und mondän bei den älteren Damen, die über den Boulevard flanieren.
Und über allem thront seit 800 Jahren die Kathedrale, unumstößlich wie ein Fels. Ein Wegweiser, der dem Reisenden oder Pilger in der Zeit vor den Hochhäusern schon von Weitem den Weg wies. „Hier ist Schatten, hier bist Du sicher vor der tödlichen Hitze der Meseta.“

Sie ist nicht aus dem dunklen Stein wie der Kölner Dom, der immer etwas Bedrohliches ausstrahlt. Sie ist aus hellem Stein, hat zwei unterschiedliche Türme. Das ist nicht perfekt, das ist nicht erdrückend. Es ist hell und lädt den Dürstenden ein.

Und im Innenraum wird er ergriffen vom Farbenspiel der Fenster, das sich von Minute zu Minute mit dem Sonnenstand ändert.

Geht der Fremde ein paar Schritte weiter, kommt er in den Kreuzgang des Klosters. Heiß, wie auch sonst. Je nach Tageszeit, bieten nur ein paar Ecken Schatten. Der Innenhof ist aber immer der brutalen, gnadenlosen Sonne ausgesetzt. Und doch spielen sich in dieser Hitze magische Dinge ab. Oder vielleicht auch gerade wegen der Hitze.

Türme wachsen aus der Erde des Innenhofes. Wie Kirchtürme stehen sie da, die gerade erst ihre oberste Spitze aus dem Erdboden gedrückt haben. 1990 war ich das erste Mal hier. 2006 das zweite Mal. Und jetzt sind wieder elf Jahre vergangen, diesen mystischen Ort zu besuchen. Denn in den 27 Jahren sind sie nicht sehr viel gewachsen. So wenig, dass man es mit bloßem Auge nicht feststellen kann. Sie haben alle Zeit der Welt. Was sind 27 Jahre im Vergleich zu den 800, die sie da stehen?

Aber ich bin mir sicher, unter der Erde rumort es. Dort spielen sich Dinge ab, die sich unserer Vorstellungskraft entziehen.

Leider hat irgendein Kulturdezernent beschlossen, in diesem schönen Innenhof eine Ausstellung in einem orange-blauen Kasten aufzubauen. Das mag ja informativ sein und viele Jahreszahlen für den Geschichtsunterricht vermitteln. Die kann man sicher auch im Internet nachlesen. Die Stimmung ist aber dahin.

Liebe Señora Soundso oder lieber Señor Soundso von der Kulturbehörde: Bauen Sie diesen Mist wieder ab! Und lassen Sie den Geistern, die des Nachts diesen Innenhof erfüllen, wieder ihren Raum!

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