Es ist ein Privileg, den Berg erklimmen zu dürfen

Die letzte natürliche Grenze auf dem Weg nach Santiago ist geschafft. Der Anstieg zum O Cebreiro war durchaus nochmal sportlich. Oben angekommen, ist es ein wenig wie auf Bergstationen von Seilbahnen in den Alpen.

Der Wanderer – in diesem Fall der Pilger – kämpft sich im Schweiße seines Angesichts den Berg hoch, während oben die Schläppchenschuhe aus ihren klimatisierten Autos aussteigen.

Aber ich gönne allen diese wunderbare Umgebung. Das ist auch etwas, das ich auf dem Weg gelernt habe: Unterschiede zwischen Pilgern sind blödsinnig. Hat der Fußpilger eine größere Leistung erbracht als der Fahrradpilger? Was ist mit dem 91-Jährigen, der kurze Etappen geht? Vor ein paar Tagen habe ich einen Rollstuhlfahrer überholt, der sich schieben ließ. Der sitzt den ganzen Tag in seinem Rollstuhl und geht keinen Meter. Wahrscheinlich würde er alles darum geben, wenn er in seinem Leben drei Schritte zu Fuß gehen könnte. Aber seine Leistung ist unglaublich. Was ist mein bisschen Radeln dagegen? Heute hat mich an dem Anstieg zum O Cebreiro ein älteres Ehepaar auf Rädern mit viel Gepäck überholt. E-Bikes. Na und. Das gegenseitige Abschätzen und Bewerten ist hier fehl am Platz. Jeder geht oder fährt seinen Weg. Jeder nach seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten. Jeder nach Lust und Laune.
Wer das nicht kapiert, darf sich nicht darüber beschweren, in der Leistungsgesellschaft zum Hamster im Rad degradiert zu werden. Basta.

Und dann trifft man auf dem Weg wirklich außergewöhnliche Menschen. Ich habe heute kurz am Kloster in Samos angehalten. 8. Jahrhundert, steinalt. Leider war gerade keine Öffnungszeit. Aber man glaubt seinen Augen nicht, wenn direkt vor den Mauern des Klosters eine Tankstelle steht. Zwei Zapfsäulen direkt vor dem Kloster. Unglaublich.

Aber in der Herberge des Klosters – ich war kurz drin, um mir einen Stempel zu holen – sitzt ein Mann, der in Kuba geboren, in Puerto Rico aufgewachsen ist und seit Jahren in New Hampshire lebt, und betreut die ankommenden Pilger. Er hat wohl seine Berufung gefunden. Er erzählte mir, dass er das erste Mal in Samos war als er noch auf Puerto Rico lebte. In Samos hat er das erste Mal Schnee gesehen. Noch Fragen zur Leistungsgesellschaft?

Und trotz allem freue ich mich über das, was bislang so alles zusammen gekommen ist. Das Denkmal kurz hinter dem O Cebreiro zeigt den Pilger, wie er sich gegen den Wind stemmt und seinem Ziel entgegen strebt.

Die Pilger, die im Mittelalter den O Cebreiro gemeistert hatten, hatten Gefahren und Schwierigkeiten bewältigt, die wir uns heute gar nicht vorstellen können. Und die hatten keine Iberia oder RyanAir. Die sind das alles wieder zu Fuß nach Hause gegangen. Ich möchte nicht wissen, wie viel Promille derer, die da aufgebrochen sind, gesund und lebend wieder ihr Ziel erreicht haben.

Wenn man jeden Tag Asphalt frisst, und ich bin inzwischen Spezialist in der Unterscheidung von 300 verschiedenen Sorten von Asphalt, hat man viel Zeit, sich über solche Dinge Gedanken zu machen. Und man hat viel Zeit, darüber nachzudenken, welche Leistung zu würdigen ist, und wie wenig doch so ein wenig durch die Gegend zu radeln bedeutet. Es ist ein Privileg, das hier machen zu dürfen.

Bis Santiago ist es jetzt nicht mehr weit. Übermorgen müsste ich vor der Kathedrale stehen, wenn alles gut geht.

5 Kommentare zu „Es ist ein Privileg, den Berg erklimmen zu dürfen

  1. Einfach super! Und stimmt, ein Privileg. // wie wäre es denn, ohne Ryan oder Iberia auch wieder nach Haus zu kehren? Eine denkbare Option? 🤔 Weiterhin eine superschöne Fahrt 😎

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  2. ach, es ließt sich sooo positiv, was der Pilger da schreibt. So rund um. Schön!! Er hat das Endziel schon ganz nah vor sich, ich hier seit gestern den Patrick Leigh Fermor. Hab nun noch einen gaaanz tollen Weg vor dir….

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  3. Es ist spannend den Radpilger auf dem hier eröffneten Weg zu begleiten. Heute ist Sommeranfang und die Stimmung ist in Schwerin auch ganz schön, alles grün und freundlich. Ich freue mich auf einen langen Sommerabend und werde ein kühles Glas Wein auf ein glückliches Ende der Pilgerreise trinken. Ich muss schon sagen, Respekt! So ein Projekt durchzuhalten ist bestimmt nicht ganz einfach. Ich finde das Fahrrad hätte jetzt mal einen Namen verdient.

    Beste Grüße

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