Was muss mit und was nicht?

Heute soll es darum gehen, was Du mitnimmst und was nicht. Logisch – so viel möglich und so wenig wie nötig. Aber wie findet man raus, was man braucht und was nicht?

Mensch hockt hinter leeren Fahrradtaschen und packt.
Jedesmal das Gleiche. Was packe ich ein?

Was muss nun mit? Klar alles. Das Handy, das GPS-Gerät, das Tablet, das Kuscheltier, die Reiseapotheke, mindestens zehn Päckchen Blasenpflaster, das Buch für abends, Wechselwäsche, Duschbad, Shampoo, die guten Schuhe für den Restaurantbesuch, das Multitool falls man mal eine Weinflasche öffnen will, ein spanisches Wörterbuch (bitte das Dicke von Langenscheidt, sonst fehlen einem die Vokabeln bei einer komplizierten Knieoperation), der Sonnenschirm, es soll ja so heiß in Spanien sein, die ganzen Ladekabel für die Geräte, so eine kleine Espressokanne für unterwegs ist doch auch ganz praktisch, eine Zeckenzange kann Leben oder zumindest Intelligenz retten, Deospray, ein Zelt, es könnte ja doch mal eng mit den Herbergen werden, Kochgeschirr, Besteck (aber vorher bitte bei Messer, Löffel und Gabel Löcher in die Stile bohren, das spart Gewicht), ein Toaster, das Satellitentelefon usw.

Klar, kann man machen. Wenn man spanische Mülltonnen unbedingt bis zum Anschlag füllen will. Die Hälfte von dem ganzen Kram wird nämlich früher oder später da landen.

Befreie Dich von Überflüssigem

Natürlich weiß ich nicht, was man mitnehmen muss. Ich weiß nicht, welche Tabletten ein Allergiker einpacken muss und ich ahne nichts von der Wichtigkeit eines Kuscheltieres. Aber ich weiß, was man definitiv nicht mitnehmen muss. Die große Flasche Shampoo, das dritte Paar Socken, die dritte Unterhose, das GPS-Gerät (zumindest auf dem Jakobsweg), das Deo-Spray, die Müsliriegel für unterwegs – kann alles weg.

Bitte sei Dir im Klaren darüber, Du gehst durch ein Mitgliedsland der Europäischen Union und nicht durch den Zentral-Kongo. Es gibt Geschäfte, Apotheken (mehr als bei uns), Geldautomaten, jede Kneipe nimmt Kreditkarten und das Handynetz ist dreimal besser als zuhause.

Übrigens Preisfrage: Hättet Ihr eine Apotheke am Jakobsweg, womit würdet Ihr im Schaufenster werben? Genau. Sieben verschiedene Größen deutschen Blasenpflasters.

Du hast am gesamten Weg eine gute Infrastruktur, die ist inzwischen komplett auf die Bedürfnisse der Pilger eingerichtet. Manchmal gibt es keine Weizenbiergläser. Das dürfte zu verschmerzen sein.

Chilenen und Weizenbier in der Hitze – keine gute Kombi.

Gebt obacht Jungs!

Da muss ich an die vier chilenischen Radfahrer denken, die ich in der Mittagshitze in Puente la Reina traf. Sie standen in einer Bar vor einem großen Kühlschrank und staunten über die vielen Biersorten. Als sie Erdinger Weißbier entdeckten, kannte die Begeisterung keine Grenzen mehr. Der Ruf deutscher Braukunst war wohl schon bis hinter die Anden gedrungen. Ich gab ihnen noch den Hinweis, dass das ziemlich starkes Bier sei und sie in der Mittagssonne nicht zuviel davon trinken sollten. Eine Stunde später saßen vier chilenische Radfahrer umgeben von etlichen leeren Erdingerflaschen vor der Bar und fällten den klugen Entschluss, heute nicht mehr Rad zu fahren.

Gewicht durch 100 mal 15 – mehr nicht

Zurück zur nüchternen Packliste. Wie gesagt, Du musst nicht so packen als wolltest Du auf eine Antarktis-Expedition. Alles, was Du verbrauchst, bekommst Du ohne Probleme vor Ort. Du musst so packen, dass Du es tragen willst bzw. auf dem Rad mit Dir rumfahren willst. Und da helfen Zahlen. Den Rucksack zu Hause packen und dann mal ausprobieren, ob man ihn noch anheben kann, ist eine schöne Übung für die Arme, aber zwecklos. Setze Dir eine Gewichtsgrenze und weiche von der kein Gramm ab. 15 Prozent Deines Körpergewichtes sollten das absolute Maximum sein. Wenn Du über den Winter ein bisschen Bauchspeck angesetzt hast, dann nimm eher weniger. Wenn Du alles eingepackt hast und diese 15 Prozent überschreitest, pack wieder aus und schmeiß Sachen raus. Denk dran: Auf dem Jakobsweg hast Du gerade auf den längeren Etappen gerne auch noch zwei Liter Wasser bei.

Ein zu schwerer Rucksack ist die Hölle. Auch wenn Dir der Verkäufer das neueste Modell aufgeschwatzt hat, bei dem das Gewicht kaum spürbar verteilt wird und die Schulter angeblich total entlastet werden. Schön, aber Deine Knie und Deine Fußgelenke sind in keinem Fall entlastet. Egal wo das Gewicht sitzt, ob auf den Schultern, der Hüfte, dem Becken oder sonstwo, alles unterhalb der Gürtellinie ist belastet. Und spätestens, wenn Dein Nacken so verspannt ist, dass Du immer den ganzen Oberkörper drehen musst, wenn Du mal nach links oder rechts schauen willst, wirst Du die nächste Mülltonne für Dein überschüssiges Gepäck suchen.

Canfranc Estacion

In Canfranc am Beginn des aragonesischen Weges habe ich vor vielen Jahren einen deutschen Pilger getroffen. Ein Bär von einem Mann. Im Rucksack hatte er gefühlte 30 Kilo Bärengepäck. Was für ein Held! In Pau sei er gestartet, von Oloron die 35 Kilometer und 1.500 Höhenmeter bis zum Somportpass in einem Stück gegangen. Das mache ihm alles gar nichts aus, fit sei er, gut durchtrainiert.

Drei Tage und 50 Kilometer weiter in Puente la Reina de Jaca traf ich ihn wieder als ich mittags in eine Bar für einen Kaffee ging. Da saß er entspannt aber deprimiert in Latschen mit einem dick eingebundenen Knöchel. Der Arzt hätte ihm mindestens eine Woche Ruhe verordnet, mehr als vom Bett zum Kaffeetisch dürfe er nicht gehen, akute Sehnenentzündung. Helden zeichnen sich dadurch aus, dass sie früh sterben. Wer also schon sehr früh Kontakt zur örtlichen Ambulanz aufnehmen möchte, der soll gleich mit den langen Strecken anfangen und zu viel Gepäck tragen.

Wenn Du in Santiago mit guter Laune ankommen willst, nimm nur das Notwendigste mit. Starte mit kurzen Etappen. Ein Marathon wird nicht auf den ersten zwei Kilometern gewonnen. Auch wenn Du gut durchtrainiert bist, ist es Dein Körper nicht gewöhnt, mehrere Stunden am Stück mit Gepäck zu gehen. Gewöhne ihn langsam dran.

Noch ein Hinweis zum Gewicht: Jedes Gramm weniger Ausrüstung kostet Geld. Radfahrer kennen den Preisunterschied beim Rad zwischen Aluminiumrahmen und Faserverbundwerkstoff (Carbon im Volksmund). Da wird jedes Gramm weniger richtig teuer. Mit der Trekkingausrüstung ist es genauso. In einem der ersten Blogbeiträge habe ich darüber geschrieben, wie es ist, als Elektriker unterwegs zu sein, mit den gefühlten zehn verschiedenen Ladekabeln.

Man kann sich auch das Wanderhemdchen kaufen, das noch einmal fünf Gramm leichter ist. Den Schlafsack, der für die Raumfahrt entwickelt wurde und praktisch gar nichts mehr wiegt. Kann man alles machen, bringt aber unter dem Strich nichts, wenn man dafür lauter unnötigen Kram dabei hat. Wenn Du aber vor Beginn Deiner Pilgerreise versuchst, fünf Kilo von Deinem Winterspeck runter zu bekommen, ist Dir mehr geholfen.

Mehr Gepäck sollte nicht sein

Natürlich kann man ein wenig großzügiger packen, wenn man mit dem Rad unterwegs ist. Ich hatte bei meiner Tour von Norddeutschland nach Santiago am Anfang 27 Kilo Gepäck bei. Aber das war auch eine Reise von acht Wochen, die ohne Übernachtungen Zeltplätzen nicht zu finanzieren gewesen wäre. Das hieß also Zelt, Schlafsack, Isomatte und eine zusätzliche Tasche für das Ganze kamen noch dazu.

Ein Anhänger kam für mich nicht in Frage. Fahren mit Hänger ist gut und schön, wenn ich die Wegstrecke kenne und weiß, dass ich immer schön auf Radwegen oder asphaltierten Straßen unterwegs bin. Aber spätestens auf einem engen Waldweg oder einem schmalen Steg über einen Fluß hört der Spaß dann auf. Und wenn Dein Ziel Santiago lautet, musst Du ja auch irgendwie wieder zurückkommen. Das Fahrrad bekommst Du gut nach Hause, aber mit dem Anhänger wird Dich keine Fluggesellschaft mitnehmen.

Vielleicht noch ein Gedanke zu diversen technischen Geräten. In nahezu allen Pilgerherbergen entlang des Jakobswegs hast Du inzwischen WLAN. Da ist es praktisch, wenn man das Smartphone und das Tablet mit bei hat. Auch so ein E-Book-Reader ist nett. Klar das Navi ist ja auch bei. Und wenn man ein paar nette Fotos mitbringen will, ist auch die teure Kamera dabei. Da kommen schnell Apparate für ein paar tausend Euro zusammen. Geld und Papiere hat man auch noch. Bitte mach Dir nichts vor: Pilgerherbergen sind nicht der Ort, an dem sich ausschließlich gute Menschen voller Nächstenliebe treffen. Auch dort wird geklaut. Und je mehr Du von dem teuren Zeugs bei hast, desto mehr bist Du damit beschäftigt, alles unter Kontrolle zu haben. Wenn Du mit dem Rad unterwegs bist und das auch noch alleine, wird es sich nicht vermeiden lassen, dass Du öfter in einen Supermarkt gehst. Da kannst Du das Rad zwar vor der Tür anschließen. Aber willst Du jedesmal alle Taschen abbauen und mitnehmen?
Je weniger Du also von den teuren Geräten des verwöhnten Mitteleuropäers bei hast, desto entspannter wirst Du reisen.

Woran solltest Du als Radler denken?

Ein Ersatzschlauch ist besser als Flickzeug.

Die schönste Radtour findet ein jähes ende, wenn Du eine Panne hast. Auch mit den tollsten unplattbaren Schwalbe-Reifen, reicht ein Nagel und das war´s. Ich nehme nie Flickzeug, sondern immer einen Ersatzschlauch mit. Willst Du irgendwo in der Pampa das Loch im Schlauch suchen und Deinen letzten Schluck Wasser für die Suche verschwenden? So ein Schlauch kostet ein paar wenige Euro und Ersatz gibt es in jeder größeren Stadt.

Dünne Handschuhe halten die Hände bei Reparaturen sauber.

Egal, was Du an deinem Rad reparierst – Deine Hände sehen hinterher immer ölig, dreckig und verschmaddert aus. Die günstigsten dünnen Handschuhe aus dem Baumarkt leisten gute Dienste. Nimm nicht die dünnen Einweg-Latexhandschuhe mit. Die reißen sofort.

Ein zweiteiliges Multitool ist ein Muss auf jeder Tour.

Werkzeug. Darüber könnte man Romane schreiben. Nur soviel. Nimm auch Werkzeug mit, mit dem Du nicht umgehen kannst. Du wirst bei einer Panne eher jemanden finden, der mit dem Werkzeug umgehen kann als jemanden, der das Werkzeug bei hat. Wenn Du Dir ein Multitool kaufst, dann achte unbedingt drauf, dass Du es in zwei Teile teilen kannst. Mit dem einen Teil kannst Du schrauben, mit dem anderen kontern. Und: Der alte Knochen aus Guß gehört ins Altmetall. Meist ist das billigstes Material und bricht sehr schnell und sehr scharfkantig. Die Verletzungsgefahr ist immens.

Kabelbinder können zum Retter in der Not werden.

Kabelbinder kann man für alles brauchen. Im Notfall helfen Sie immer. Du musst nicht gleich eine ganze Tüte mitnehmen. Fünf Stück reichen.

Wäscheklammern kann man auf der Tour zu allem möglichen brauchen.

Mit Wäscheklammern ist es genauso. In vielen spanischen Herbergen stehen inzwischen Waschmaschinen. Du wenn Du im Frühjahr oder Sommer unterwegs bist, ist jedes Wanderhemd oder Fahrradtrikot auf der Wäscheleine innerhalb kürzester Zeit trocken. Aber wo Waschmaschinen sind, sind noch lange keine Wäscheklammern. Mit Klammern kannst Du ein Paar feuchte Socken auch problemlos am nächsten Tag an den Rucksack oder die Fahrradtasche hängen.

Fahrradtaschen haben oftmals keine Unterteilungen. Alles fährt durcheinander in der Tasche herum. Und Du kannst Dir sicher sein, das, was Du gerade brauchst liegt immer ganz unten. Deshalb sind kleine Plastikbeutel mit einem Zippverschluss eine praktische Angelegenheit. Übrigens werden es Dir Deine Zimmergenossen in den Herbergen danken, wenn Du auf diese dünnen Plastiktüten verzichtest. Du glaubst nicht, was für ein höllischer Lärm entsteht, wenn 20 Pilger morgens um vier in einer Herberge mit diesen Dingern knistern.

Was ist für den Wanderer ein Muss?

Nimm Dir eine ganz dünne Isomatte mit. Das muss nicht die Selbstaufblasende von Thermarest sein. Das dünnste Ding reicht aus. Sie soll nicht gegen Kälte schützen. Aber in der einen oder anderen Herberge – vor allem in den kommunal betriebenen – sehen die Matratzen nicht sehr vertrauenserweckend aus, um nicht zu sagen, dass in ihnen Leben steckt. Wenn Du da Deine dünne Matte drauflegst, ist das ein enormer Gewinn an Lebensqualität.

Schmieren und salben hilft allenthalben. Du musst Dir Deine Füße einschmieren. Jeden Tag. Morgens und abends. Mit Hirschtalg habe ich durchweg gute Erfahrungen gemacht. Das gibt es in jedem Drogeriemarkt. Und Du solltest mit dem Schmieren schon ein paar Tage vor dem Start anfangen. Die Gefahr, böse Blasen zu bekommen sinkt enorm.

Wanderstöcke sollten auch dabei sein. Sie entlasten die Knie. Du brauchst sie nicht als Abwehr gegen freilaufende Hunde. Die haben vor Dir schon Angst ohne Stöcke(r). Aber nach ein paar Tagen auf Tour wirst Du auf die Stöcke nicht mehr verzichten wollen. Was in unseren Breitengraden etwas befremdlich aussieht, fällt auf dem Jakobsweg überhaupt nicht auf.

Du brauchst keine Wanderkarten. Wenn Du einen der gängigen Wanderführer von Rother, Conrad Stein oder Dumont mitnimmst, bist Du auf der sicheren Seite. Wer sich die Arbeit machen will und gleichzeitig Gewicht sparen will, kopiert sich das Büchlein vorher und nimmt die Kopien mit. Jeden Tag eine Kopie in den Mülleimer und der Rucksack wird auch leichter.

Das soll es für das Erste gewesen sein. Vielleicht habe ich etwas vergessen. Und natürlich kann ich nicht beurteilen, was für jeden einzelnen unbedingt in den Rucksack oder die Fahrradtasche muss. Es gilt jedoch: Weniger ist mehr.
Das eine noch:

Zwei Plastiktüten voller Apfelsinen

Auf dem aragonesischen Weg zwischen Ruesta und Sangüesa traf ich vor Jahren auf vier brasilianische Pilger. Keine Rucksäcke, kein Gepäck, aber jeder hatte zwei Plastikbeutel voller Apfelsinen in der Hand. Sie sprachen kein Spanisch, kein Englisch – nur Portugiesisch. Ich habe bis heute nicht herausbekommen, wie sie sich die Zähne geputzt haben, ob sie mit einer Unterhose die restlichen 800 Kilometer nach Santiago gegangen sind und in welchem geruchlichen Zustand ihre Socken am Ende der Pilgerfahrt waren.
Aber ich habe jeden Tag gesehen, wenn sie irgendwo vor mir Pause gemacht hatten. Ein kleines Häuflein Apfelsinenschalen hat sie jedesmal verraten.

Ein Kommentar zu “Was muss mit und was nicht?

  1. Ich gehe öfters auf Ruderboottour. Irgendwie habe ich auch das Problem , was ich undedingt mitnehmen muss. Regenzeit, Gummistiefel oder mit nackten Füßen im März in die Weser ?

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